Tübinger Übungen: Post von Nancy Hünger

Bis Ende Juni ist Nancy Hünger als Stadtschreiberin in Tübingen. Von ihrem Schreibtisch mit Blick auf den Friedhof sendet sie uns in loser Folge ihre "Tübinger Übungen".

 

Klammheimlich – 08.06.2018

Was so eine wie ich da oben, also auf dem Friedhof, was macht frau denn da, was arbeitet frau, wenn sie einmal nicht die Ohren auf die Gräber, was dann. So eine wie ich weiß gar nicht genau, was sie da macht, da oben, auf dem Friedhof, geht das Klammheimlich vonstatten, manchmal bemerke ich selbst kaum, dass ich arbeite, weil etwas in mir arbeitet und werkelt, auch wenn ich abwesend bin. Überhaupt ist meine Abwesenheit eine nicht hinreichende, aber notwendige Grundbedingung für diese Klammheimlichkeit, jene, die übrigens nicht Arbeit geheißen sein will, scheucht mich oft fort, sagt, husch, husch, mein Fräulein, ins Körbchen mit den Knochen. So eine ICH kann kaum Licht in dies Gedunkel bringen. Ab und an schiele ich verlegen über meine abschüssige Schulter, vorwiegend die linke, wenn ich mich unbeobachtet wähne, um zu erspähen, was da vor sich hinwerkelt, das keinesfalls Arbeit genannt sein will, aber muss, damit es auch die Ohrensitzenbleiber in der letzten Reihe noch verstehen. Während meiner nutzbringenden Abwesenheit rezitiere ich gerne einen Vers aus den heimischen Bäumen oder etymologisiere Eichhörnchen der Größe nach. Manches ordnet sich unter der Hand, anderes will händisch ausbuchstabiert werden. Eine Frage der Konzentration. In den späten Stunden, die den viel zu frühen zumeist folgen, notiere ich alle nicht geführten Gespräche oder stenographiere Tropen für Hölderlin nach strengem Diktat. Eine Trope gleich ein Euro, man sollte sich immer einen Groschen zu viel verdienen. In den noch späteren Stunden, die sich bereits sichtlich verjüngen, entwerfe ich gerne meine Zukunft, ich habe schon viele, hübsche Entwürfe, manche auffallend amodisch oder asozial, je nach Saison, aber die meisten, so bestätigen die Ballistiker, sind mangelhaft. Es hat wohl mit dem Fundament zu tun, da lief etwas schief oder schräg, auf jeden Fall: fundamental falsch. Am Fundamentalismus lässt sich nun nicht mehr viel ändern, ich habe Landscaper gebeten, zu retten, was zu retten ist, ein paar schicke Rabatten drumherum oder Petunien, ich wollte schon immer in Petunien leben wie Homer. Nun gut. Die oberen Stockwerke jedoch kann ich frei, nach Gusto, gestalten, ich wähle einen Regenschirm, einen Blasebalg und ein Bett, das sollte bis immer genügen. Spitzwegerich wäre auch hübsch gewesen. Jeden ungeraden Mittwoch esse ich auswärts, da ich die demonstrative Arbeitsmoral meines Klammheimlich nicht dauerhaft ertrage. Es bezichtigt mich gerne der Faulenzerei und weist mir, in unseren dunkelsten Stunden, die einer Ehe erschreckend ähneln, hellsichtig und klar die Traditionslinien zum alten, aufrichtigen Bäckerhandwerk auf. Meine Traditionslinie sieht das Klammheimlich, in ganz kleinen Brötchen begründet, ich backe sehr viel kleinere Brötchen als Hölderlin beispielsweise, der sich, so demonstriert es mir zweifelsfrei, gar auf Brote mit richtigen Kanten und Inkrustinierungen verstand, und überhaupt sei meinen Brötchen eine graduelle Verluftigerung nachzuweisen; was sie an Masse dem Auge preisgeben, erweist sich bei näherer und wissenschaftlicher Untersuchung als Luft, auch im Zusammenhang mit heiß und besonders viel davon, wenn es heiß ist. In unseren dunkelsten Stunden, wenn wir beide, mein Klammheimlich und ich, schon wieder an Gütertrennung denken, packe ich meine kleinen Schrippen in den Netz- oder wahlweise Dederon-Beutel – DEDERON, ein Wort, von mythologischer Tragweite, für dessen Ergründelung mir kein Jahrhundert genügte – schließe die Tür und gehe ins Schweigen, wo es klimatisch immer angenehm niedertemperiert und die Getränke recht erschwinglich sind. Manchmal dauert mich mein exotisches Exil Tage, des Öfteren Wochen, weniger selten Monate, bis mir das Klammheimlich ein paar unflätige Staben hinterdreinschickt, später findet es zur üblichen, ehemüden Milde und sendet mir unmotivierte Liebesbriefe auf zartrosa gebrochenen Versen oder einen Rhythmusgenerator aus dem ZKM Karlsruhe. Meist auch nichts von beidem und trotzdem kehre ich immer wieder zurück, wegen der Jahre, der Güter, ach der Kinder von anderen wegen, die habens auch schwer unter diesen eheähnlichen Verhältnissen, ich kehre dann klammheimlich und kleinlaut meinen Richt mit Reisig und backe stoisch kleine heiße Luft, stenographiere in meiner Freizeit Tropen für Hölderlin und erkläre mancherorts, was frau, die öffentlich des Frauseins bezichtigt wurde, auf einem Friedhof lebend, auf diesem bezichtigterweise Unsinniges anstellt, was sie zu allem Übel der friedhofsansässigen Bevölkerung als Arbeit verkauft, für den obligatorischen Groschen zu viel, ganz klammheimlich, während es arbeitet, als ginge es die Tropen nichts an.

Die Testamente flattern im Wind – 23.05.2018

Wahrlich ich lebe in sinistren Zeiten, da die Dichter wenig gelten. Wahrlich, Günter, wir leben in sinistren Zeiten, da Gedichte noch weniger gelten als ihre Dichter. Schwer zu entscheiden, welche Zeit sinistrer ist. Wahrlich, es macht keinen Unterschied. Frag doch die Henne nach dem Ei. Wahrlich, ich lebe in Zeiten, so wenig ist gewiss, da das Vergessen zum guten Ton gehört, da die Erinnerung zu den häufigsten Todesursachen der westlichen Hemisphäre zählt, was längst schon wieder vergessen ist, auch der gute Ton, aber der ist lässlich. Vergessen wird tagtäglich das aller Alltäglichste, schon das gestrige Datum ist aus den Kalendern gelöscht, gelöscht auch, wer vor uns die Wege querte, gelöscht die Geschichte aus dem Alltäglichen, das selbst die Geschichte samt und sonders restlos verdaut, so alltäglich: gelöscht. Wahrlich ich lebe zwischen den Zeiten und will und kann nicht vergessen die Toten, die meine Kreuzwege queren. Wahrlich, es sind ihrer viele, alle gelistet und feinsäuberlich betäfelt an den bedenkungswürdigen Orten, nur für dich, mein Februar-Bruder, der am 13. Dresden starb und starb und starb, um endlich zu sterben, muss man zum Styx hinunter, der hinter meinem geborgten Totenhäuschen in den Neckar schwimmt. Freilich, es geht mir gut, es geht mir besser, ich muss nicht mehr in die Keller, um Kartoffeln zu entkeimen, ich habe keinen Keller und keine Kartoffeln, so lebt es sich leichter, es geht mir gut und geht mich immer so weiter bescheiß ich den Tod um mein Leben, wer weiß schon, in welche Richtung dieser Satz gelesen werden muss, vielleicht alles umgekehrt und verkehrtherum ist ehedem nichts wahrer als der Tod, der immer zum Schluss kommt, wenn einem das Ende einmal ausgeht. Gut so. Freilich es geht mir gut und besser als Dir, denn ich lebe wahrlich in sinistren Zeiten, da die Dichter und ihre Gedichte so wenig gelten, mein Freund, dass ich mir nur wenige Maultaschen vom Munde sparen muss, um in Dein Werk zu investieren, wie der kleine Mann ins Eigenheim, ich ziehe in Deine Gedichte, sie haben genug Räume für meine abgedroschene Melancholie und meine Trauer aus dritter Hand, auch mein Tod, weiß ein Eckchen, um ein Weniges noch duldsam mit mir und meiner angeborenen Dummheit, die ich in meinen jämmerlichsten Momenten tatsächlich ICH nenne. Freilich aber könnte ich heulen, ach, vergiss den neunmal gescheiten Konjunktiv, Czecho, ich heule auf Vorrat in die Taschen deines letzten Hemdes, wie es sich geziemt. Ziemen, auch so ein preußisches Wort, ach, vergib den Preußen und Protestanten in mir, ihrem elenden Erbe aus trocken Brot und dreifach gekeltertem Schweiß. Czecho, ich habe mir die Taschen wörtlich vom gesprochenen Maul abgespart und meine hypothetische Rente in Dein Werk investiert. Tagelang hat es mich umkreist, weil der Postmann mein Postfach nicht weiß, von dem nur die Maulwürfe ein schwaches Liedchen singen, ach, zwischen Stxy und Olymp, wer verführe sich nicht, wohn ich doch längst an der Lethe, wo der Lorbeer vertrocknet und die Worte emsig bestattet werden, lange, lange vor ihrer Niederschrift. Drei Tage sah ich zu, über den Äther gebeugt, und ich glaubte Dich bereits verloren, an die Boten und ihre geheimen, unzugestellten Archive, Du weißt, jene Sendungen, die niemals ausgetragen, zwangsläufig zum Selbstmord, zum großen Postbotensterben führen. Doch kam es am Vierten, wie es sich für einen wie Dich samt gesammeltem Werk geziemt: einfach zu spät. Zwei Bücher hast Du gezeichnet mit Deinem Sternchen und einem Arrivederci, eines für eine Maren, der ich alle Übel an den Hals wünsche, wie konnte sie nur, spricht sie der Nachlassverwalter nicht frei, werde ich dieser Maren niemals verzeihen, dass sie Dich für ein paar Groschen versetzte, wie konnte sie nur, dass ich jetzt weine, wegen Maren und Deinem Arrivederci, will ich selbst kaum verstehen, es gibt immer einen, der kann die Zeichen besser entziffern, ach, ich scheiß auf die entsicherten Zeichen, vielleicht wein ich ein wenig, weil dein Ausland nun mein Inland ist, zwischen Deutschland und Deutschland, wie viele Fernen lagen einst dazwischen, um an Hölderlin, an Tübingen vor Sehnsucht zu verzweifeln, will sich das überhaupt noch einer vorstellen, vielleicht weine ich, weil wir das Rad immer neu erfinden und so viele Räder bereits geschrieben in den Archiven lagern oder am Grund der Lethe drehen, weil meine Sprache mich verlässt, wann immer ich sie höflich, gar flehentlich bitte, so ist es wohl mit der Liebe schlechthin, vergeblich all dies, freilich und wahrscheinlich zum Heulen. Ich würde Dir gern einen Brief schreiben, rückwärts, in Deine Gegenwart, lieber Heinz, schrieb ich mich gerne ein, hol mich doch in Deine Keller, leg mich zu den Kartoffeln, schneid mir aus die fauligen Stellen, das Grün hinter den Ohren, stattdessen schreib ich Dich einem Freund, der mir rät: Vielleicht sollten wir nur lesen, was mindestens 25 Jahre gut abgehangen ist. Vielleicht, denk ich mir, sollten wir nur schreiben, was 25 Jahre gut abgehangen ist, nur schreiben, wenn die Sprache gut abgehangen, wenn 25 Jahre abgehangen sind. Vielleicht nur noch ein 25-jährig Abgehangenes: Vielleicht. Und Schluss. Vielleicht bleibt nichts mehr zu tun, als an die Verstorbenen zu erinnern, ihre Gedichte zu lesen, die Gedichte vor den Marens dieser Welt zu retten, vielleicht ist ein Dichter nur ein Nachlassverwalter für Gedichte, das wär ja schon viel, vielleicht ist er aber auch einfach nur ein ausgemachter Unsinn, vielleicht ist ausgeschrieben das Gedicht, samt seinen letzten Versen, nur immer noch einmal die Nacht und den Tod rädern, wie neu erfinden, wir sind doch alle so schrecklich metaphorisch gestimmt und betreiben fröhlich die Deutung der Deutung bei abnehmender Bedeutung, nicht wahr, vielleicht schwimmen die volkseigenen Fische am Grund der Lethe, vielleicht hat der Regen noch eine Botschaft oder ein Bitterfeld parat, vielleicht lacht auch nach mir jemand, weil Dich Dein revolutionärer Hölderlin zu den Akten legte, vielleicht lachst Du, weil ein Dichter nun diese Akten verwaltet und Dich zu den Akten legt, vielleicht lachen wir einmal gemeinsam, in Deinem Keller, mit dem Tod auf den Kartoffeln, unserem lachenden Dritten, der unsere Akten mit seinem Arrivederci gegenzeichnen wird, vielleicht sehen wir uns wieder, aber dann, mein lieber Februar-Bruder, bin ich schon fort. Vielleicht ist das nicht zu begreifen. Das ist auch schon alles. Nicht zu begreifen. Alles. Vielleicht: Das.

 

Wespen über dem Ural – 07.05.2018

Kleine Valeska, kommst Du mich besuchen, lieg ich in Deinem Bettchen, gleich links, du musst nur an der Wespe vorbei, der toten, erschrick nicht, sie hat sich so beharrlich unter dem Türspalt hindurchgekämpft, zwei Tage und eine Nacht, dass ich ihr ein Wohnrecht einräumen will, bis ihr kleiner Leib restlos verweht. Manche Tapferkeit, versteh, macht mich schütter bis zur Dummheit. Ich schlafe schlecht, Valeska, sag, liegt es an Deinen Träumen, liege ich Deinen Träumen zugrunde, Deinem kleinen gebrochenen Kopf. Auf der anderen Seite schläft Deine Mutter, zwischen uns stapelt ein Gebirge so hoch und lang und weit, stell Dir nur vor, dass allein Luftkutscher unseren Worten übersetzen helfen können, vornehmlich nachts, wenn die Wespen meine Tür beißen, vornehmlich, wenn ich nicht schlafen kann, in Deinem Bett, in dem schon manche Dichter schliefen und vielleicht liegen sie alle Deinen Träumen zugrunde, vornehmlich, wenn Deine Mutter schlaflos Straßen memoriert, die morgen schon gewesen sein könnten. Valeska, Deine Mutter schreibt mir aus einer anderen Nacht, da die Zeit sich um Kilometer verschiebt, von Dörfern, die allesamt strauchelnd am Erdrund sich noch halten, ein kleiner Schluckauf genügt und sie liegen der Welt zugrunde, wie ich Deinen Träumen. Die Welt hat einen gebrochenen Kopf. Deine Mutter nähte Dir einst Schaumstoff ans Mützchen, damit Du Deine schönsten Träume nicht verlierst, damit Du einmal, zweimal, vielmal über dieses Gebirge wirst fliegen können, das unsere Träume unter Verschluss hält, als wären es Verse aus langer Vorzeit, längst vergessen, deshalb zieht es uns immer wieder auf die andere Seite, wir zerkauen das Geröll, zu Gedichten, nur manchmal, nur wenn es gelingt, nur selten gelingt es uns manchmal vielleicht nie. Ich schreibe Deiner Mutter, eine Nacht aus ungezählten Kindern, so viele, dass es genügt, für was, das weiß sie und wird Dir erzählen einmal, zweimal, vielmal. Ich schenke ihr meine Kinder, damit es genügt, weil wir dem Tod zu gerne trotzen, ihm unsere kurzen Nasen drehen. Valeska, ich liege in Deinem Bett, und schreibe Dir, weil ich nicht schlafen kann, weil Deine Mutter nicht schlafen kann, da uns Kyrill und Method gute Nächte hersagen, es aber nichts nützt, weder hier, noch dort, stottere ich meine kleine Liebe, für Euch, für die zarten Köpfe und milchwarmen Fontanellen, da draußen, gibt es nicht Kinder genug, den gebrochenen Kopf der Welt zu heilen, aber noch gibt es uns, die Kiesel zu schmelzen, den Wespen Einlass zu gewähren, alles oder gar einen Vers zu wagen, der, wenn wir Glück haben gelingt manchmal vielleicht nie, die Sprache ist uns immer ein Gebirge und einen Abgrund fern, dauernd zu weit, wie viele Luftkutscher bräuchte es, all dies zu übersetzen. Valeska schlaf gut, damit auch ich schlafen kann, in Deinem zerbrochenen Kopf, der mir zugrunde liegt, wenn mir Zeit genug bleibt, werde ich Schaumstoff an eine Mütze nähen, groß genug für die milchwarmen Fontanellen oder zumindest für Dich und Deine Mutter. Nun aber schmelz ich noch Kiesel, solange mir Zeit bleibt, will ich dem Tod unsere kleinen Nasen drehen. Kleine Valeska, besuch mich, ich lieg in Deinem Bettchen, gleich links, du musst nur an der Wespe vorbei, die der Schlaf unlängst fand, aber was nützt es, da sie nichts begreift und den Ural nimmer mehr wird überfliegen können. Was nützt es, manchmal vielleicht nichts, aber was frag ich, wo ich doch vom Nutzen so wenig weiß, wie ein Wespe vom Schlaf oder dem Geschäft der Luftkutscher über dem Ural, wer weiß schon, welche Zeit sie uns einstmals übersetzen werden, wenn die Nacht an unseren Türen beißt, wenn alle Bettchen still drehen und die Dörfer in die Welt zurücksinken werden, wer weiß, Valeska, wer weiß, liegt den Fragen zugrunde.

 

Eichhörnchen sind wahrscheinlich – 04.05.2018

für L. W.

 

Es sind so schöne, lange Pausen, die uns vergessen machen. Wir nehmen sie leicht und halten unsere Rufe in unbekümmerter Schwebe, freuen uns über ihr geglücktes Ankommen nach Wochen oder Monaten, wenn keiner von uns mehr mit Wundern rechnet, verdrehen sie zu unseren Gunsten die Gesetze der Wahrscheinlichkeit. Wir nennen sie Echo und Widerhall, wenn sie uns im Staubmantel unerwartet entgegeneilen, ein wenig schütter um die Schultern von den Distanzen, aber strahlend, wie frisch gesprochene Kinder, selbst wenn ihnen Dunkles über die Lippen springt, zwischen Czernowitz, Biel oder Tübingen ist es niemals zu dunkel, nur gerade genug, sagt die Wahrscheinlichkeit. Du fragst mich, nach so lange, wie mir und ich schreibe dir einen Friedhof und einen Strauß Eichhörnchen zu viel Licht schreibe ich für meine kleine Regen-Seele. Ich frage dich und du schreibst zur selben Zeit einen Friedhof samt Eichhörnchen und zu viel Licht für deine kleine Regen-Seele. Wir verstehen uns naturgegeben nicht auf Zufälle, sondern nur auf die Gesetze der Wahrscheinlichkeit. Ich rechne vor: Stehen zwei zur selben Stunde zwischen den Ländern auf dem Friedhof von Eichhörnchen gesäumt, um einander mitzuteilen, zur selben Zeit und nach so lange, nur dies. Rechne nur nach, ich bin sicher, es stimmt. Unterm Strich entschuldigen wir die Eichhörnchen, sie haben es nicht besser gewusst, uns so unter Regen zu setzen bis wir davon schwimmen aus Tübingen in die Schweiz oder umgekehrt schwimmen wir durch die Berge, was mir schon immer eine taugliche Übung für Dichter schien, wenn wir nur einmal anständig die Felsen durchschwömmen … wäre uns die Sprache vielleicht weniger schwer und nur eine schöne lange Pause, die uns vergessen macht.

 

Dies solis – 26.04.2018

 Der Sonntag, so ein Altherrentag, war mir immer Untag, seit Kindsgedenken, meinem Kindesdenken, schien er mir ein toter Tag, ein Totentag, von schwarzen Sonnen umkränzt oder umflort, da die Geschäfte geschlossen, auch die Menschen wie zugesperrt, da der ganze Tag auf Halbmast wehte: so verriegelt, wegen gestern oder Gott weiß; und es blieb mir freilich nichts als horizontal zu verdämmern, dem Horizont entgegen zu dämmern, wartend auf den Abgesang der Sonnen, ihre endliche Untergehung, und ich weiß noch, wie ich lag, immer zu früh, immer wie tot, aufgebahrt hinter den orangenen Gardinen, der verhängten Kindheit, lag ich und mir zogen allmählich absinkende Lichter über die Augen zog stundenlang das Licht zog mir die Augen bis zum Montag, der zwar nicht besser, mit all dieser Betriebsamkeit, aber nach Mohn roch, ein Mohntag greifbar fast, fast, fast: wenn man nur eine Nacht noch durchstürbe, nur eine noch, wäre man, wäre ich im Mohn erwacht.

Hier aber, hier ist der Sonntag ein wirklicher Totentag und wächst mir wochenwärts ans verzagte, ausgenagte Herz. Wir söhnen uns aus, ich und der alte Herr, den man gerne mit Gott verwechselt, in dessen Magen man sich immer Sonn zur Ruhe betten soll, um die Welt zu beschauen, die doch unbrauchbarer als eine Hose geworden ist, die Nähte sind schlecht gearbeitet, sie zwackt und sitzt in summa: miserabel. Irgendwie Made-In-Taiwan, billig produziert, von schlecht bis kaum bezahlten Arbeitskräften, die ihrerseits Hose wie Welt mit dem Tod zahlen, diese Welt, die manchmal einfach Jacke wie Hose ist.

Aber nun: Am Sonn- am Totentag, besuchen mich morgens die Eichhörnchen, die Vögel zu früh, zu spät besucht ein Mann, der ob seiner Erscheinung, wenn nicht Gott, aber doch Herr genannt sein sollte, seine Frau oder Geliebte (ich spekuliere) und wäscht ihr totes Haar, wäscht ihr die toten Blumen auf dem frischen Erdenbuckel. Ich lerne bereits ihn zu erwarten und zu fürchten, dass er nicht käme. Bei meiner grünen Hose. Immer Sonntags kommt ein zierliches Mädchen, studiert die Inschriften und überlegt wem sie den Kopf wässert, sie schleppt die Totenkannen stundwärts, sie gießt die längst Verstorbenen nach Gefühl und Zutrauen. Sie untersucht mit Hingabe den Zustand der Blumen und schleppt und schleppt die Kannen zu den Gräbern, gießt sich aus, immer Sonntags, dies Mädchen weiß um ihre Toten wie um ihre Blumen, geht im Friedhof auf, blüht. Ein Mädchen, das eigentlich eine junge Frau ist, die mich streng an mein Alter mahnt, mich rügt, weil ich sie Mädchen nenne, um das Mädchen nicht umhin komme, obwohl sie doch bereits Frau genannt sein sollte.

Immer sonntags übe ich auf dem Hosenboden meine Demut nach Ost und West und Nord und Süd, weil ich lerne: nichts, das bleibt, wir erinnern die Toten schlecht, sie erinnern uns nicht, welch Glück, wir gehen über ihren Verstand. Nichts, das bleibt - auch nicht die rasenden Bücher, der Furor der Schrift vergeht und kein Gedächtnis das weiter trüge als zum Grab. Du vergehst und ich vergehe mich an der Zeit, der Rest ist plappernder Wahn zwischen den Seiten, ein Menetekel aus Übermut und Narzissmus. Einfach nicht zu entschuldigen: diese unnütze Schrift. Es trotzt aber auch in mir, es trotzt das Buch in mir sagt: doch, weil die Toten erst recht nach einer Erzählung verlangen, man ihnen das Leben zurück- und anerzählen soll wie den einstigen Leib. Es trotzen die Toten in mir und sagen: Ein Schriftsteller ist jemand, der sein Leben lang stirbt, in langen Sätzen, in kleinen Worten.

Immer Sonn- immer Totentags lerne ich jetzt Zeit, ich verzeitliche, denn ich spüre ihre Kontraktionen, wie sie sich zusammenzieht, sich spannt, wie sie mich aus- einatmet und letztlich verebbt in der Greisin die ich bin in dem Mädchen das ich gewesen sein werde. Ich segne die Zeitlichkeit, das Zeitige, das Zeitliche: das Mädchen in mir ruht in einem alten Herr. Ich segne meine Toten, die so viel klüger, weil tapfer vorangestorben und mir voraus, längst ins Schweigen sind, mit ihren langen Sätzen und kleinen Worten.

 Immer Totentags, wenn ich der Zeit ein wenig überdrüssig, den Mädchen, den Herren, auch der Fensterschau, studiere ich mein Alphabet der Einsamkeit, man spricht nicht fließend einsam, man muss die Einsamkeit erlernen, sie ist vielsprachig in ihrer sanften Verschwiegenheit. Meine Einsamkeit, so lausche ich, schwäbelt nun ein wenig, sie ist grün, wie der Neckar, sie verwirft mich und meine Schrift, meine Einsamkeit hält Zwiesprache mit den Toten, mich geht es nichts an, aber ich versuche, wann immer, zu lauschen, was sie sich sprechen, über mein Gedeih und Verderb. Ich höre die kleinen Worte besonders gern. Auch die grünen. Meine Einsamkeit ist heute Orange und umkränzt von Blumen auf einem Erdhügelrund, aufgebauscht wie ein Daunenbett, meine Einsamkeit gehört geschüttelt von der Holle, dass die Eichhörnchen wechseln, während ich im Bett für den Ernstfall die Horizontale übe und meine kleinen Worte kaue, so verschlossen, wegen gestern. Aber morgen, schon morgen, wenn ich nur einmal noch dahinstürbe, in einem langen, langen Satz, blüht mir vielleicht der Mohn und wer weiß, vielleicht ein anderer Tag, so orange wie der Türkenbund, wie das absinkende, untergehende Licht hinter den Vorhängen meiner kleinen Kindheit, wo sich die Eichhörnchen munter in grünen Hosen tummeln, als sei die ganze Welt Jacke.