Tübinger Übungen: Post von Nancy Hünger

Bis Ende Juni ist Nancy Hünger als Stadtschreiberin in Tübingen. Von ihrem Schreibtisch mit Blick auf den Friedhof sendet sie uns in loser Folge ihre "Tübinger Übungen".

 

Wespen über dem Ural – 07.05.2018

Kleine Valeska, kommst Du mich besuchen, lieg ich in Deinem Bettchen, gleich links, du musst nur an der Wespe vorbei, der toten, erschrick nicht, sie hat sich so beharrlich unter dem Türspalt hindurchgekämpft, zwei Tage und eine Nacht, dass ich ihr ein Wohnrecht einräumen will, bis ihr kleiner Leib restlos verweht. Manche Tapferkeit, versteh, macht mich schütter bis zur Dummheit. Ich schlafe schlecht, Valeska, sag, liegt es an Deinen Träumen, liege ich Deinen Träumen zugrunde, Deinem kleinen gebrochenen Kopf. Auf der anderen Seite schläft Deine Mutter, zwischen uns stapelt ein Gebirge so hoch und lang und weit, stell Dir nur vor, dass allein Luftkutscher unseren Worten übersetzen helfen können, vornehmlich nachts, wenn die Wespen meine Tür beißen, vornehmlich, wenn ich nicht schlafen kann, in Deinem Bett, in dem schon manche Dichter schliefen und vielleicht liegen sie alle Deinen Träumen zugrunde, vornehmlich, wenn Deine Mutter schlaflos Straßen memoriert, die morgen schon gewesen sein könnten. Valeska, Deine Mutter schreibt mir aus einer anderen Nacht, da die Zeit sich um Kilometer verschiebt, von Dörfern, die allesamt strauchelnd am Erdrund sich noch halten, ein kleiner Schluckauf genügt und sie liegen der Welt zugrunde, wie ich Deinen Träumen. Die Welt hat einen gebrochenen Kopf. Deine Mutter nähte Dir einst Schaumstoff ans Mützchen, damit Du Deine schönsten Träume nicht verlierst, damit Du einmal, zweimal, vielmal über dieses Gebirge wirst fliegen können, das unsere Träume unter Verschluss hält, als wären es Verse aus langer Vorzeit, längst vergessen, deshalb zieht es uns immer wieder auf die andere Seite, wir zerkauen das Geröll, zu Gedichten, nur manchmal, nur wenn es gelingt, nur selten gelingt es uns manchmal vielleicht nie. Ich schreibe Deiner Mutter, eine Nacht aus ungezählten Kindern, so viele, dass es genügt, für was, das weiß sie und wird Dir erzählen einmal, zweimal, vielmal. Ich schenke ihr meine Kinder, damit es genügt, weil wir dem Tod zu gerne trotzen, ihm unsere kurzen Nasen drehen. Valeska, ich liege in Deinem Bett, und schreibe Dir, weil ich nicht schlafen kann, weil Deine Mutter nicht schlafen kann, da uns Kyrill und Method gute Nächte hersagen, es aber nichts nützt, weder hier, noch dort, stottere ich meine kleine Liebe, für Euch, für die zarten Köpfe und milchwarmen Fontanellen, da draußen, gibt es nicht Kinder genug, den gebrochenen Kopf der Welt zu heilen, aber noch gibt es uns, die Kiesel zu schmelzen, den Wespen Einlass zu gewähren, alles oder gar einen Vers zu wagen, der, wenn wir Glück haben gelingt manchmal vielleicht nie, die Sprache ist uns immer ein Gebirge und einen Abgrund fern, dauernd zu weit, wie viele Luftkutscher bräuchte es, all dies zu übersetzen. Valeska schlaf gut, damit auch ich schlafen kann, in Deinem zerbrochenen Kopf, der mir zugrunde liegt, wenn mir Zeit genug bleibt, werde ich Schaumstoff an eine Mütze nähen, groß genug für die milchwarmen Fontanellen oder zumindest für Dich und Deine Mutter. Nun aber schmelz ich noch Kiesel, solange mir Zeit bleibt, will ich dem Tod unsere kleinen Nasen drehen. Kleine Valeska, besuch mich, ich lieg in Deinem Bettchen, gleich links, du musst nur an der Wespe vorbei, die der Schlaf unlängst fand, aber was nützt es, da sie nichts begreift und den Ural nimmer mehr wird überfliegen können. Was nützt es, manchmal vielleicht nichts, aber was frag ich, wo ich doch vom Nutzen so wenig weiß, wie ein Wespe vom Schlaf oder dem Geschäft der Luftkutscher über dem Ural, wer weiß schon, welche Zeit sie uns einstmals übersetzen werden, wenn die Nacht an unseren Türen beißt, wenn alle Bettchen still drehen und die Dörfer in die Welt zurücksinken werden, wer weiß, Valeska, wer weiß, liegt den Fragen zugrunde.

 

Eichhörnchen sind wahrscheinlich – 04.05.2018

für L. W.

 

Es sind so schöne, lange Pausen, die uns vergessen machen. Wir nehmen sie leicht und halten unsere Rufe in unbekümmerter Schwebe, freuen uns über ihr geglücktes Ankommen nach Wochen oder Monaten, wenn keiner von uns mehr mit Wundern rechnet, verdrehen sie zu unseren Gunsten die Gesetze der Wahrscheinlichkeit. Wir nennen sie Echo und Widerhall, wenn sie uns im Staubmantel unerwartet entgegeneilen, ein wenig schütter um die Schultern von den Distanzen, aber strahlend, wie frisch gesprochene Kinder, selbst wenn ihnen Dunkles über die Lippen springt, zwischen Czernowitz, Biel oder Tübingen ist es niemals zu dunkel, nur gerade genug, sagt die Wahrscheinlichkeit. Du fragst mich, nach so lange, wie mir und ich schreibe dir einen Friedhof und einen Strauß Eichhörnchen zu viel Licht schreibe ich für meine kleine Regen-Seele. Ich frage dich und du schreibst zur selben Zeit einen Friedhof samt Eichhörnchen und zu viel Licht für deine kleine Regen-Seele. Wir verstehen uns naturgegeben nicht auf Zufälle, sondern nur auf die Gesetze der Wahrscheinlichkeit. Ich rechne vor: Stehen zwei zur selben Stunde zwischen den Ländern auf dem Friedhof von Eichhörnchen gesäumt, um einander mitzuteilen, zur selben Zeit und nach so lange, nur dies. Rechne nur nach, ich bin sicher, es stimmt. Unterm Strich entschuldigen wir die Eichhörnchen, sie haben es nicht besser gewusst, uns so unter Regen zu setzen bis wir davon schwimmen aus Tübingen in die Schweiz oder umgekehrt schwimmen wir durch die Berge, was mir schon immer eine taugliche Übung für Dichter schien, wenn wir nur einmal anständig die Felsen durchschwömmen … wäre uns die Sprache vielleicht weniger schwer und nur eine schöne lange Pause, die uns vergessen macht.

 

Dies solis – 26.04.2018

 Der Sonntag, so ein Altherrentag, war mir immer Untag, seit Kindsgedenken, meinem Kindesdenken, schien er mir ein toter Tag, ein Totentag, von schwarzen Sonnen umkränzt oder umflort, da die Geschäfte geschlossen, auch die Menschen wie zugesperrt, da der ganze Tag auf Halbmast wehte: so verriegelt, wegen gestern oder Gott weiß; und es blieb mir freilich nichts als horizontal zu verdämmern, dem Horizont entgegen zu dämmern, wartend auf den Abgesang der Sonnen, ihre endliche Untergehung, und ich weiß noch, wie ich lag, immer zu früh, immer wie tot, aufgebahrt hinter den orangenen Gardinen, der verhängten Kindheit, lag ich und mir zogen allmählich absinkende Lichter über die Augen zog stundenlang das Licht zog mir die Augen bis zum Montag, der zwar nicht besser, mit all dieser Betriebsamkeit, aber nach Mohn roch, ein Mohntag greifbar fast, fast, fast: wenn man nur eine Nacht noch durchstürbe, nur eine noch, wäre man, wäre ich im Mohn erwacht.

Hier aber, hier ist der Sonntag ein wirklicher Totentag und wächst mir wochenwärts ans verzagte, ausgenagte Herz. Wir söhnen uns aus, ich und der alte Herr, den man gerne mit Gott verwechselt, in dessen Magen man sich immer Sonn zur Ruhe betten soll, um die Welt zu beschauen, die doch unbrauchbarer als eine Hose geworden ist, die Nähte sind schlecht gearbeitet, sie zwackt und sitzt in summa: miserabel. Irgendwie Made-In-Taiwan, billig produziert, von schlecht bis kaum bezahlten Arbeitskräften, die ihrerseits Hose wie Welt mit dem Tod zahlen, diese Welt, die manchmal einfach Jacke wie Hose ist.

Aber nun: Am Sonn- am Totentag, besuchen mich morgens die Eichhörnchen, die Vögel zu früh, zu spät besucht ein Mann, der ob seiner Erscheinung, wenn nicht Gott, aber doch Herr genannt sein sollte, seine Frau oder Geliebte (ich spekuliere) und wäscht ihr totes Haar, wäscht ihr die toten Blumen auf dem frischen Erdenbuckel. Ich lerne bereits ihn zu erwarten und zu fürchten, dass er nicht käme. Bei meiner grünen Hose. Immer Sonntags kommt ein zierliches Mädchen, studiert die Inschriften und überlegt wem sie den Kopf wässert, sie schleppt die Totenkannen stundwärts, sie gießt die längst Verstorbenen nach Gefühl und Zutrauen. Sie untersucht mit Hingabe den Zustand der Blumen und schleppt und schleppt die Kannen zu den Gräbern, gießt sich aus, immer Sonntags, dies Mädchen weiß um ihre Toten wie um ihre Blumen, geht im Friedhof auf, blüht. Ein Mädchen, das eigentlich eine junge Frau ist, die mich streng an mein Alter mahnt, mich rügt, weil ich sie Mädchen nenne, um das Mädchen nicht umhin komme, obwohl sie doch bereits Frau genannt sein sollte.

Immer sonntags übe ich auf dem Hosenboden meine Demut nach Ost und West und Nord und Süd, weil ich lerne: nichts, das bleibt, wir erinnern die Toten schlecht, sie erinnern uns nicht, welch Glück, wir gehen über ihren Verstand. Nichts, das bleibt - auch nicht die rasenden Bücher, der Furor der Schrift vergeht und kein Gedächtnis das weiter trüge als zum Grab. Du vergehst und ich vergehe mich an der Zeit, der Rest ist plappernder Wahn zwischen den Seiten, ein Menetekel aus Übermut und Narzissmus. Einfach nicht zu entschuldigen: diese unnütze Schrift. Es trotzt aber auch in mir, es trotzt das Buch in mir sagt: doch, weil die Toten erst recht nach einer Erzählung verlangen, man ihnen das Leben zurück- und anerzählen soll wie den einstigen Leib. Es trotzen die Toten in mir und sagen: Ein Schriftsteller ist jemand, der sein Leben lang stirbt, in langen Sätzen, in kleinen Worten.

Immer Sonn- immer Totentags lerne ich jetzt Zeit, ich verzeitliche, denn ich spüre ihre Kontraktionen, wie sie sich zusammenzieht, sich spannt, wie sie mich aus- einatmet und letztlich verebbt in der Greisin die ich bin in dem Mädchen das ich gewesen sein werde. Ich segne die Zeitlichkeit, das Zeitige, das Zeitliche: das Mädchen in mir ruht in einem alten Herr. Ich segne meine Toten, die so viel klüger, weil tapfer vorangestorben und mir voraus, längst ins Schweigen sind, mit ihren langen Sätzen und kleinen Worten.

 Immer Totentags, wenn ich der Zeit ein wenig überdrüssig, den Mädchen, den Herren, auch der Fensterschau, studiere ich mein Alphabet der Einsamkeit, man spricht nicht fließend einsam, man muss die Einsamkeit erlernen, sie ist vielsprachig in ihrer sanften Verschwiegenheit. Meine Einsamkeit, so lausche ich, schwäbelt nun ein wenig, sie ist grün, wie der Neckar, sie verwirft mich und meine Schrift, meine Einsamkeit hält Zwiesprache mit den Toten, mich geht es nichts an, aber ich versuche, wann immer, zu lauschen, was sie sich sprechen, über mein Gedeih und Verderb. Ich höre die kleinen Worte besonders gern. Auch die grünen. Meine Einsamkeit ist heute Orange und umkränzt von Blumen auf einem Erdhügelrund, aufgebauscht wie ein Daunenbett, meine Einsamkeit gehört geschüttelt von der Holle, dass die Eichhörnchen wechseln, während ich im Bett für den Ernstfall die Horizontale übe und meine kleinen Worte kaue, so verschlossen, wegen gestern. Aber morgen, schon morgen, wenn ich nur einmal noch dahinstürbe, in einem langen, langen Satz, blüht mir vielleicht der Mohn und wer weiß, vielleicht ein anderer Tag, so orange wie der Türkenbund, wie das absinkende, untergehende Licht hinter den Vorhängen meiner kleinen Kindheit, wo sich die Eichhörnchen munter in grünen Hosen tummeln, als sei die ganze Welt Jacke.