Stephan Turowski über seinen »Zur Wunde«-Blog

Stephan Turowski spricht über seinen Blog, dazu gibt es einige der letzten Beiträge zu lesen.

Wenn dieser Blog in irgendeiner Form etwas mit der Person desjenigen, der dort über sich Auskunft gibt, zu tun hat, dann auf eine eher diskrete Art und Weise. Ausgehend von der bewußten Entscheidung, nichts Anekdotisches oder sonstwie Persönliches, das für den möglichen Leser nur irrelevant sein kann, in den einzelnen Beiträgen auszubreiten, kam es zu der Idee eines quasi objektiven Tagebuchs, das die Entwicklung desjenigen, der jene für ihn so wichtigen Texte und Musikstücke in diesem Zusammenhang präsentiert, anhand dieser Materialien aufzeigt und vielleicht auch für den ein oder anderen nachvollziehbar macht.    

 

Einige ausgewählte Einträge der vergangenen Wochen:

 

Katakombe

„Die Beigesetzten sind vergessen. / Ihr abgespeistes Licht loht draußen fort. / Wir sind von anderm Licht besessen. / Sucht Katakombenbrüder für das Wort. // Es pflanzt den Hall aus Gott im Hohlen, / Und Nachhall klärt sich auf zum Urbefehl: / Da kreist, zum Schweben herbefohlen, / Das All, verheimlicht erst, dann ohne Hehl. // Nun trägt es auch die Beigesetzten / Für uns, die schwach schon sind, in ihrer Kraft. / Womit sie ihre Augen letzten, / Ersehn sie uns für die Gefangenschaft. // Resede schaukelt und Limone. / Es sammelt den versprengten goldnen Hort / Die Nacht nicht ein; sie weiß, er wohne / Befreit, verbürgt im Katakombenwort.“ (Oskar Loerke)

 

Ferner

„doch mir bleibt der Polarfuchs / auf meinem Schoß in sich verschlungen / und meine immer milder werdenden Winter“ (Sascha Kokot)

 

Oniritti

„Für ihn ist bald das Stadium erreicht, da er mit einem leeren Schlüsselloch anbändelt. Sich einiges davon verspricht, Zärtlichkeiten ins leere Schlüsselloch zu schalmeien. Sich vor einem leeren Schlüsselloch einmal richtig gehenzulassen.“ (Botho Strauß)

 

Römerbrief

„Die Wirklichkeit der Religion ist Kampf und Ärgernis, Sünde und Tod, Teufel und Hölle. Sie führt den Menschen durchaus nicht heraus aus der Problematik von Schuld und Schicksal, sondern erst recht in sie hinein. Sie bringt ihm keine Lösung seiner Lebensfrage, sie macht ihn vielmehr sich selbst zum schlechthin unlösbaren Rätsel. Sie ist weder seine Erlösung noch deren Entdeckung, sie ist vielmehr die Entdeckung seiner Unerlöstheit. Sie will weder genossen noch gefeiert, sondern als hartes Joch, da es nicht abgeworfen werden kann, getragen sein. Religion kann man niemandem empfehlen: Sie ist ein Unglück, das mit fataler Notwendigkeit über gewisse Menschen hereinbricht und von ihnen auch auf andre kommt.“ (Karl Barth)

 

Fadensonnen

„DIE KÖPFE, ungeheuer, die Stadt, / die sie baun, / hinterm Glück. // Wenn du noch einmal mein Schmerz wärst, dir treu, / und es käm eine Lippe vorbei, diesseitig, am / Ort, wo ich aus mir herausreich, // ich brächte dich durch / diese Straße / nach vorn.“ (Paul Celan)

 

Sisyphos

„Eine Stufe tiefer – die Fremdheit: wahrnehmen, dass die Welt dicht, ahnen, wie sehr ein Stein fremd ist, auf nichts zurückzuführen, und mit welcher Intensität die Natur oder eine Landschaft uns verneinen kann.“ (Albert Camus)

 

Die Errettung des Schönen

„Verdecken, Verzögern und Ablenken sind auch raum-zeitliche Strategien des Schönen. Das Kalkül des Halbverdeckten erzeugt einen verführerischen Glanz. Das Schöne zögert mit dem Erscheinen.“ (Byung-Chul Han)

 

Herbstlich

„Abend. Feuchtigkeit in der Luft. Bald holen wir unser / eingemottetes Wollzeug hervor. / Ein Stern rührt an dein Herz, ganz langsam, trübsinnig, / wie die Hand einer Frau, die abwesend mit dem Löffelchen / in einer Tasse heißem Tee rührt und so / ein kleines Stück Würfelzucker auflöst.“ (Jannis Ritsos)

 

Diesseits

„Da die Sonne mit ihrem Winde / Die Wipfel der Linden und Lebensbäume / Auseinanderbläst und eintritt: / Weckt mich Licht und Gerausch, als verschlüge / Jemand ein Buch mir, das ich, entwandert, / In seinem Jenseits gelesen hätte – / Nun ist es aus meinen Händen verschwunden. // Doch Licht ruft in Zungen aus dem Blattzelt: / Ich habe keine heiligen Schriften geschrieben, / Ich wollte niemals heilige Schriften schreiben, / Ich will im schönen Erdengarten bleiben.“ (Oskar Loerke)

 

Tractatus

„Im Satz ist die Form seines Sinnes enthalten, aber nicht dessen Inhalt.“ (Wittgenstein)