5 Fragen an … Sascha Kokot

In diesem Interview spricht Sascha Kokot u. a. über seine Arbeit als Lyriker und Fotograf und geht der Frage nach, welche Bedeutung neue Technologien für sein Schreiben haben.

In Deinem aktuellen Gedichtband »Ferner« wagst Du einen präzisen Blick auf die Lücken in unserem Dasein – auf das, was fehlt und dennoch sichtbar bleibt. Was glaubst Du, können wir durch diesen Blick über uns erfahren?

Ja, dieses Thema beschäftigt mich in »Ferner« wirklich sehr. Ich glaube, dass wir zu erheblichen Teilen die Abbilder aller bisher erlebten Veränderungen sind. Ich habe selbst immer wieder erstaunt festgestellt, dass in meinem Leben ganz beiläufig und unbemerkt etwas weggebrochen oder verschwunden ist, das ich bis dahin für selbstverständlich gehalten hatte. Mich fasziniert der Moment, in dem man sich dieser Veränderung bewusst wird: plötzlich fallen Kleinigkeiten auf, die deutlich machen, wie groß die Lücke ist, die da klafft. Dieses Erstaunen wollte ich in meinen Gedichten transportieren. Schließlich hat das Innehalten teilweise auch etwas Erfrischendes oder sogar Aufrüttelndes. Außerdem wollte ich schreibend auch meine eigenen Sinne schärfen. Also alles ein wenig bewusster wahrnehmen, solange es noch gegenwärtig ist. Nicht immer nur einfach hinnehmen, dass der Alltag an mir vorüberzieht.

 

Du arbeitest als Lyriker und Fotograf und bist zudem ausgebildeter Informatiker. Inwieweit bestimmt Technologie Dein Schreiben? Spiegeln Deine klaren und nüchternen Verse den Blick eines Technologen auf die Welt?

 

Ich sehe mich selbst gar nicht als Technologen, sondern als einen sehr neugierigen und vor allem auch technikaffinen Menschen. Mich interessiert einfach, wie wir Menschen mit Technologie umgehen. Das beinhaltet aber auch, dass ich in meinen Texten darum kreise, wie leichtfertig wir damit operieren und wie sehr sich diese Systeme bereits verselbständigt haben. Mich beschäftigt das Phänomen, dass uns plötzlich etwas überwältigt und über uns hinauswächst, was wir eigentlich als vom Menschen beherrscht wahrnehmen. Die Frage, wer die Kontrolle hat und Dinge vorantreibt, was Auslöser und was Resultat ist und wie leicht sich diese Beziehung verschieben oder verkehren kann, fasziniert mich wirklich sehr.

 

Welches Verhältnis haben Technologie und Natur in Deinen Gedichten? Ergänzen sie sich oder sind sie als Kontrahenten zu begreifen?

 

In meinem ersten Band »Rodung« habe ich mich sehr stark mit Natur und Landschaften beschäftigt. In »Ferner« hat sich dieser Schwerpunkt hin zur Technologie verlagert. Beiden Büchern ist gemein, dass ich diese Themenkomplexe nicht gegeneinander ausspiele, sondern sie vielmehr in Relation zum Menschen setze, der auf die Natur ebenso massiv Einfluss nimmt, wie er auch die technische Entwicklung vorantreibt. Deswegen gehen Natur und Technik in meinen Gedichten auch nahtlos ineinander über und hinterfragen die Position des Menschen in diesem Gefüge. Oftmals beginnt die Technosphäre zu wuchern und es lässt sich nur schwer sagen, wo die Natur endet und die Technik beginnt.

 

Inwieweit unterscheiden sich Dein Blick als Lyriker und Dein Blick als Fotograf voneinander? (Gehst Du in beiden Künsten denselben Fragestellungen nach oder sind Literatur und Fotografie für Dich zwei gänzlich unterschiedliche Ausdrucksformen?)

 

Bei der Arbeit in beiden Medien versuche ich, interessante Details auszustellen und dabei nah an meinen Gegenständen zu bleiben. Meine Porträts beispielsweise entstehen bei Naturlicht, oft bei einem Spaziergang und möglichst ohne gestellte Posen, um eher dem Charakter des Dargestellten gerecht zu werden. Zu meinen Fotos heißt es oft, dass man die Menschen darauf wiedererkennt. Das ist mir wichtig. Im Unterschied zur Fotografie schreibe ich in der Lyrik das Vorhandene weiter fort. Auch meinen Gedichten liegt meistens eine reale Begebenheit oder Erfahrung zugrunde, aber hier überzeichne und verfremde ich stärker, ich spinne den Gedanken oder die Beobachtung fort, bis das Gedicht sich für mich fertig anfühlt und etwas transportiert, das mich berührt.
Ich würde also sagen, dass meine Lyrik eher mit Fiktion arbeitet als meine Fotos. Aber beide Formen transportieren immer auch eine Geschichte.

 

 

„Ferner“ ist ein kunstvoll gestalteter Band mit haptischem Spezialeffekt. Natürlich fragen wir uns: Wie arbeitet ein technikaffiner Autor wie Du? Wie liest Du und wie ist Deine Beziehung zum Buch als Objekt?

 

In Bezug auf Literatur nutze ich alle Medien. Literaturkritik nehme ich vorrangig online also im digitalen Raum wahr. In meinen Augen ist das einfach die ideale Art und Weise, da sich Dinge oder Aspekte so sehr einfach verknüpfen oder nachschlagen lassen.
Lyrik und Romane lese ich in gedruckter Form. Das ist mir wichtig, da ich sehr gern mit dem Gelesenen einen haptischen Eindruck verbinde und den Wert schön gestalteter Bücher sehr schätze.
Und beim eigenen Schreiben verknüpfe ich all diese verschiedenen Medien. Meine Gedichte schreibe ich initial mit einem Bleistift, was das erste Korrigieren, Ausbessern und Fortschreiben sehr vereinfacht. Wenn ich den Text dann für fertig halte, tippe ich ihn ab und lasse ihn als Datei einige Zeit liegen. Die letzten kleineren Lektoratsarbeiten mache ich dann nur noch in dieser Datei. Über die Reihenfolge der Gedichte entscheide ich wieder analog: Ich drucke alles aus und puzzele aus den Texten ein großes Mosaik oder Wandbild, bis die Anordnung der Gedichte stimmt.

 

 

Wenn aus den vielen Einzelblättern dann wiederum ein Zusammenhang in Form eines Buches entsteht, schließt sich für mich der Kreis. Dementsprechend stark liegt mir die Buchgestaltung dann auch am Herzen, aber mit dem Grafikbüro Kraft plus Wiechmann hat der Verlag ja ein unglaublich kreatives und erfahrenes Gestalterteam an der Hand, dem ich blind vertraue.

 

 

Mehr zu Sascha Kokot und weitere Bilder finden sich auf seiner Homepage unter http://saschakokot.de. Aktuelle Lesetermine finden sich direkt unter http://saschakokot.de/termine/.