Ende neu: Die edition AZUR rückt ab 2020 unter das Dach von Voland & Quist

Beginnen wir ganz nüchtern mit den Fakten: Ab Januar 2020 wird die edition AZUR kein eigenständiger Verlag mehr sein, sondern ein Imprint von Voland & Quist. Als Teil des neuen Editorial Boards – zusammen mit Karina Fenner, Katy Derbyshire, Leif Greinus und Sebastian Wolter – werde ich dort weiterhin das Programm der edition AZUR gestalten.

Ob mich die Veränderung melancholisch stimmt? Kein bisschen. Zum einen ist das Zusammengehen nicht einer wirtschaftlichen oder anderen Notlage geschuldet, sondern eine Liebesheirat. Zum anderen nehme ich in das neue verlegerische Zuhause alles mit, was mir lieb und teuer ist: meine Autorinnen und Autoren, meinen Literaturbegriff, meine Gestalter von Kraft plus Wiechmann und den familiären Spirit, der dieses AZUR-Ding so besonders macht.

 

Aber warum dann diese Veränderung, und warum jetzt? Nach 15 Jahren ist es einfach an der Zeit, sich zu bewegen. Die Aussicht von meiner Position zwischen den Stühlen gefiel mir immer weniger: zu klein, um wirklich voranzukommen, zu groß für DIY. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass auch ein kleiner ambitionierter Independent-Verlag mit fünf, sechs Titeln im Jahr eine professionelle Infrastruktur mit Auslieferung, Pressearbeit etc. braucht. Aber ich bin nicht mehr überzeugt davon, dass jeder Verlag einen eigenen Apparat unterhalten muss, der Zeit und Geld kostet.

Gleichzeitig war es für mich nie eine Option, darauf zu verzichten, wie es andere Verlage in meinem Metier tun. Denn damit würde ich mich gleichzeitig von dem Anspruch verabschieden, jemals Bücher für ein Publikum jenseits der Nische zu machen – wie auch von der Möglichkeit, gemeinsam mit meinen Autorinnen und Autoren zu wachsen.

 

Ein zweiter wichtiger Grund: Ich mag nicht mehr allein arbeiten. Mit dem Modell eines Verlegers, der alle finanziellen, strukturellen und inhaltlichen Entscheidungen allein trifft, kann ich mich immer weniger identifizieren. Ich habe außerhalb der Verlagsarbeit in den letzten Jahren viele beglückende Erfahrungen mit der Arbeit im Kollektiv gemacht. Und ich brenne darauf, diese Kraft für mich endlich auch bei der Sache produktiv zu machen, die mir am meisten am Herzen liegt.

 

Voland & Quist und die edition AZUR sind ein reizendes Paar. Wir kennen und unterstützen uns seit Jahren, in der Verlagsarbeit und beim Dresdner Festival »Literatur JETZT!« Wir teilen wichtige Werte rund um das Büchermachen. Mir imponiert, dass der Verlag immer wieder überraschende unternehmerische Lösungen findet, wo anderen nur der Ruf nach mehr Förderung einfällt. Gleichzeitig sind wir in dem, was wir machen, unterschiedlich genug: Beide Programme haben eine klare, eigenständige Kontur. Das wird auch so bleiben. 

 

Was bleibt von 15 Jahren edition AZUR? In jedem Fall erinnere mich an mehr als 60 Bücher, an jede einzelne Seite von ihnen. An Lesungen mit 3 Zuhörern und an Lesungen mit 120 Zuhörern. An die hochfliegenden Erwartungen, mit denen ich zu meiner ersten Buchmesse gefahren bin, und an den harten Aufschlag in der Realität. Daran, wie mich Kolleginnen und Kollegen für meine Naivität belächelt haben. Daran, wie mich Kolleginnen und Kollegen für meine Naivität gelobt haben. An den Morgen, als ich mit dem tschechischen Kurierfahrer, der vor dem Büro in seinem Auto übernachtet hatte, um mir Bücher zu liefern, den längsten Kaffee der Welt getrunken habe. An konzentrierte Lektoratsarbeit am Nachmittag und die nächtliche SMS, in der das hart errungene Komma wieder gestrichen wurde. An eine Premiere, bei der das Publikum die Texte vorlas, weil der Autor mit dem Zug liegengeblieben war. An das Vogelzwitschern im Morgengrauen nach den Verlagsabenden in der Galerie Artae. An das unverlangt eingesandte Manuskript, das mit dem Satz begann: »Er blieb mit dem rechten Auge am Waschbecken hängen.« An gemeinsam durchwachte Nächte in der AZUR-Buchmessen-WG, die letzte Kippe und den ersten Kaffee. Und wie Knarf Rellöm erinnere ich mich natürlich auch daran, dass ich mich nicht erinnere.

 

Ganz am Anfang der Verlagsgeschichte stand ein Gedicht, Jan Volker Röhnerts »Die Hingabe, endloser Kokon«. Wie damals lese ich es auch heute noch als ein Versprechen auf das, was mir für die nächsten Jahre, in neuer Umgebung, mit tollen Leuten an meiner Seite vorschwebt: Es geht um das Ganze, den / Kanal der Sinne, der aus dem Moder der Kellertreppe, / die zu meinem Schreibtisch führt, den Glamour / destilliert, keine Einbahnstraße, sondern die luftige dichte Röhre, in der jeder ohne Ende / zu einem anderen wird.

 

PS: Das erste Programm in der neuen Konstellation erscheint im Frühjahr 2020 – mit Prosa von Nancy Hünger sowie Gedichtbänden von Volker Sielaff und Stephan Turowski.